24. Oktober 2025

Herbstblues

Nun ist er da, der Herbst – grau, nass und dunkel. Da könnte einen doch das pure Elend überkommen.

Jede Tageszeitung, die etwas auf sich hält, bringt jetzt Themen wie: „So entkommen Sie dem Herbstblues“, „Zehn Tipps gegen das vorwinterliche Stimmungstief“ oder „Gute Laune trotz grauer Tage“.

Die meisten dieser Artikel enthalten wenig Neues. Sie sind gut gemeint, lesen sich aber eher wie Gebrauchsanweisungen für Neuankömmlinge von einem fremden Stern. Und außerdem fehlt ihnen oft eine gewisse Leichtigkeit.

„Der Herbst steht auf der Leiter
und malt die Blätter an,
ein lustiger Waldarbeiter,
ein froher Malersmann.“ (Heinz Erhardt)

Der Herbst ist nicht jedermanns Sache. Deshalb sollten wir uns einfach heraussuchen, was uns persönlich an dieser Jahreszeit behagt – und das Übrige gelassen ertragen. „Der eine liebt die Gurken, der andere die Tochter des Gärtners“, sagt ein polnisches Sprichwort.

Man kann die dunklen Tage willkommen heißen oder abscheulich finden. Vielleicht aber ist auch beides gleichzeitig möglich.

Heinrich Seidel (Ingenieur und Schriftsteller – eine seltene Kombination) beginnt sein Gedicht November mit folgender Strophe:

Solchen Monat muss man loben:
Keiner kann wie dieser toben,
keiner so verdrießlich sein
und so ohne Sonnenschein!

In diesem „muss man loben“ steckt genau diese Idee, so glaube ich.

Zwei Beispiele aus meinem Leben.

Zuerst etwas, worauf ich gut verzichten könnte, es jedoch tapfer ertrage:

Bewegung an der frischen Luft, wenn draußen ein Wetter herrscht, bei dem man keinen Hund vor die Tür jagen würde.

Aber etwas Bewegung sollte sein (wegen der Endorphine, habe ich gelesen).

Also raus an die „frische Luft“ – was sein muss, muss sein.

Dann jedoch wieder rein in die warme Stube, sobald das Minimalsoll erfüllt ist.

Bei mir heißt das: einmal um den Block. Das dürften so an die tausend Schritte sein. Zu wenig? Weit unter den 10.000 Schritten pro Tag, die einschlägige Experten empfehlen? Okay.

Aber dafür muss ich nicht raus bei diesem Sauwetter. Bewegen kann ich mich auch indoor. Die schlappen 9.000 Schritte, die noch fehlen, kann ich auch in der Wohnung absolvieren – zwischen Küche (wo der Eierlikör steht!) und Bett.

Der Kolumnist Imre Grimm schreibt: „Drinnen ist es schön. Mein Körper braucht kein Sonnenlicht. Ich arbeite nicht mit Photosynthese, ich arbeite mit Steak und Pommes.“ Hundertprozentig einverstanden.

Was diese Jahreszeit besonders schön macht – für mich und viele Mitglieder im Club der Introvertierten:

Der Druck, ein „Sozialleben“ zu führen, entfällt.

Keine Einladungen zu Grillpartys, Geburtstagsfeiern in Schrebergärten oder ähnliche Zumutungen. Man muss keine glaubhaften Ausreden für sein Fernbleiben erfinden – ideal.

Der Schriftsteller Leif Lasse Anderson schreibt: „Wenn die Blätter fallen, wühle ich mich gern ins Sofa, lese halbvergessene Bücher und nippe dabei an einem Kakao mit Rum.“ [1]

So sei es. „Angelika, wo steht der Rum?“
 


[1] Andersson, Leif Lasse: Planlos zwischen Pandemie und Plauze: Warum es trotzdem cool ist, ein Ü50-Mann zu sein. München: Riva, 2021.

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